Distanzunterricht kann sehr wohl funktionieren

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Viele Schattenseiten habe der Distanzunterricht während des Lockdowns gehabt, hört und liest man vielfach. Manche Eltern berichten, dass es nur Arbeitsblätter gegeben habe, von Unterricht keine Rede habe sein können und sie befürchten massive Nachteile durch Wissenslücken. Dass es durchaus anders laufen kann, zeigt ein Besuch an der Heinrich-Thein-Berufsschule in Haßfurt. „Keine zwei Wochen nach Beginn des Lockdowns waren wir zunächst mit der Berufsfachschule für Informatik online und sehr schnell dann auch mit den anderen Abteilungen des Berufsbildungszentrums, berichten die Studienrätinnen Rebekka Hintmann und Franziska Fröhlich im Gespräch mit dieser Redaktion. 

 

Alle Lehrkräfte hätten an einem Strang gezogen, die Schulleitung klare Vorgaben gemacht, erklärt sie das gute Funktionieren des Distanzunterrichts, obwohl kaum eine andere Schulart eine so heterogene Schülerschaft hat wie ein Berufsschulzentrum. Hier lernen Schülerinnen und Schüler von 16 bis Ende 20, manche schon in einer Beziehung lebend, auch Alleinerziehende, für die der Wegfall der Kinderbetreuung im Lockdown natürlich eine besondere Erschwernis war. Dazu kommen die Flüchtlingsklassen.

Das Know-How der IT-Lehrkräfte war natürlich wertvoll für die Etablierung des Distanzunterrichts. „Unsere Schüler waren alle schon auf Teams und so konnten wir recht schnell einsteigen“, so Rebekka Hintmann. Doch auch die Kolleginnen und Kollegen waren, wo nötig schnell geschult, die meisten Schüler gewöhnten sich schnell an das neue Tool.

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Teams sei ein hervorragendes Werkzeug, so die IT-Lehrerin, doch trotzdem waren die Lehrkräfte natürlich gefordert, neue Lern-Materialien zu entwickeln, die Schüler bei der Stange zu halten. „Die Präsenz online zu gewährleisten ist natürlich eine andere Herausforderung. Wir stehen ja auch in der Pflicht gegenüber den Arbeitgebern. Berufsschulzeit ist ja bezahlte Arbeitszeit“, erklärt Franziska Fröhlich. Dass die Berufsschule Haßfurt den Stundenplan „eins zu eins über Teams spiegelt“, das hätten manche Arbeitgeber anfangs nicht glauben können, Azubis mussten dem Distanzunterricht am Arbeitsplatz folgen. „Das war natürlich für viele nicht einfach, denn welcher Azubi hat schon ein Einzelbüro ohne störende Nebengeräusche“. Doch recht schnell seien auch diese Arbeitgeber überzeugt gewesen, dass hier tatsächlich Schule stattfindet.

„Wir haben klare Regeln aufgestellt“, bestätigt auch Michaela Appel von der Berufsfachschule für Ernährung und Versorgung. Beim Distanzunterricht kommt es natürlich vor, dass der Paketbote klingelt oder das Kind mal reinkommt. „Außerdem haben wir uns sehr bemüht, den Lernstoff abwechslungsreich aufzubereiten, haben Filme gedreht, Lern-Apps eingesetzt und wir waren fast rund um die Uhr für Rückfragen erreichbar“, erklären Hintmann, Fröhlich und Appel. Das hätten die meisten Schüler auch gerne in Anspruch genommen. „Die Schülerinnen und Schüler, die ihre Ausbildung engagiert verfolgen, haben hier sogar Stärken entwickelt und Vorteile gezogen“, stellen beide übereinstimmend fest. Ein kleiner Prozentsatz sei unter dem Radar geflogen, doch auch im Präsenzunterricht könne man nicht immer gewährleisten, dass alle auch geistig anwesend sind.

Sehr gut unterrichtet fühlt sich Adrian Böhm. Der 19jährige besucht jetzt die Abschlussklasse der Berufsfachschule für Ernährung und Versorgung und hat keine Sorgen vor den Prüfungen, obwohl er parallel auch die Mittlere Reife schaffen will. Mit dem Internet habe er in Mariaburghausen keine Probleme gehabt, auch die technische Ausstattung sei bereits vorhanden gewesen; viele andere Schüler wurden mit Leihgeräten ausgestattet. 

Adrian stellt seinen Lehrkräften ein gutes Zeugnis aus, sie hätten alle Register gezogen, um einen guten und spannenden Unterricht zu machen. Beim Kochen gab es sogar 1:1-Schalten. Dennoch habe der Praxisunterricht an der Berufsfachschule natürlich gelitten, sagt Michaela Appel, schließlich habe ja auch nicht jeder Haushalt eine Küchenausstattung wie an der Fachschule. Deshalb ist sie dankbar für die so genannten Brücken-Bau-Stunden, für die das Kultusministerium nun zusätzliche Lehrkräfte ermöglicht. „Wir können dann jetzt in geteilten Gruppen intensiver unterrichten.

Natürlich gab es auch bei den Berufsschülern das ein oder andere wackelige W-Lan „aber die Ausrede mit dem leeren Akku hat natürlich maximal zweimal gezogen“, grinst Christian Weber. Die meisten seiner IT-Schüler hätten auch in Distanz ihre bisherigen Leistungen gezeigt „einige der Stillen haben uns aber auch positiv überrascht“, berichtet er. Aufgaben als Escape-Room zu erstellen, das sei zwar aufwändig, „aber wenn man es mal gemacht hat, kann man ja auch auf diese Vorlagen immer wieder zugreifen“, so die Lehrkräfte.

Grundsätzlich sind alle froh, wieder Präsenzunterricht zu haben – Schüler und Lehrer. Viele der Berufsschüler haben allerdings eine weite Anfahrt. Wäre es da nicht überlegenswert, einen Teil des Theorie-Unterrichts künftig online anzubieten? „Da würden wir wohl an der Abstimmung mit den Betrieben scheitern, denn wie gesagt Berufsschulzeit ist Arbeitszeit“, erklärt Rebekka Hintmann. Aber grundsätzlich wird Online vorerst nicht verschwinden. „Heute hatten wir schon wieder Hybrid-Unterricht, weil einige Schüler in Quarantäne waren“, berichtet Christian Weber

Dass vielen Schülerinnen und Schülern der Lockdown nicht gut tat, das merkte Schulsozialarbeiterin Martina Meisch, die zahlreiche Telefongespräche, später auch Treffen in Parks hatte, um zu helfen. „Es gab Krisen bis zur Selbstmordgefährdung. Angst, Ticks, Depressionen, alles dabei“, erzählt sie. Aber viele junge Leute hätten sich auch entwickelt, seien selbständiger geworden – alles habe eben zwei Seiten, auch Lockdown und Distanzunterricht.

 

Text und Bilder: Sabine Weinbeer

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