Lehrkräfte möchten stärker eingebunden werden

Am Donnerstag drückten an der Berufsschule in Haßfurt die Lehrerinnen die Schulbank. Sie beschäftigten sich mit Ankunftsnachweisen, Duldungsbescheinigungen, Aufenthaltsgestattungen und viel weiterer Bürokratie im Zusammenhang mit der beruflichen Integration von Geflüchteten. Elf Integrationsklassen gibt es im laufenden Schuljahr an der Heinrich-Thein-Berufsschule, 56 Schüler haben die sogenannten BIK-Klassen schon absolviert und es gibt – wie immer an der Schule Enttäuschungen und Erfolgsgeschichten.

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Bianca Olerich ist die verantwortliche Lehrkraft für die Berufsintegrationsklassen. Sie hat sich in den vergangenen Jahren viel Wissen über Asylrecht und Sozialgesetze angeeignet, um ihren neuen Schülerinnen und Schülern adäquat zur Seite stehen zu können, wenn sie in Deutschland beruflich Fuß fassen wollen. Doch im Zuge des großen Flüchtlingszustroms hat sich die Rechtslage auch ständig geändert, zudem hat jedes Bundesland eigene Regelungen zugefügt. Um den Kolleginnen, den mit dem Thema Asyl beschäftigten Sozialpädagogen und anderen interessierten Lehrkräften die Möglichkeit zu geben, sich auf den aktuellen Stand zu bringen, organisierte Bianca Olerich jetzt eine Fortbildung mit Hanna Löhner von der „Tür an Tür Integrationsprojekte gGmbH“ aus Augsburg. „Tür an Tür“ koordiniert auch das Bayerische Netzwerk für Beratung und Arbeitsmarktvermittlung für Flüchtlinge, dem die Handwerkskammer für Schwaben, die VHS Augsburg, die Bundesagentur für Arbeit, die Caritas Augsburg und der Bayerische Flüchtlingsrat angehören. Auch zwei Mitarbeiterinnen der Agentur für Arbeit und des Jobcenters nahmen an dem Nachmittag teil und trugen zum regen Erfahrungsaustausch bei.

Die Lehrkräfte haben schon allerhand Erfahrungen gemacht – positive wie negative, mit den Behörden wie mit ihren Schülern. Deshalb würde sich Bianca Olerich wünschen, dass bei der Beurteilung, welche Flüchtlinge die Erlaubnis zu einer Ausbildung erhalten (und damit auch die Ausbildungs-Duldung), die Lehrkräfte mehr eingebunden würden. Sie habe fleißige, motivierte Afghanen mit Interesse an Berufen, für die im Landkreis händeringend Auszubildende gesucht werden, erlebt, die aber wegen der geringen Bleibeperspektive keine Ausbildung beginnen dürfen. Genauso aber auch schnell mit Aufenthaltsstatus ausgestattete Syrer, die nur hochtrabende Pläne hatten, aber keine Anstalten machten, sie auch umzusetzen.

Berufsschullehrer sind mit einem breiten Spektrum an Schülern vertraut, doch die Bandbreite der Integrationsklassen ist nochmal größer. Die Lehrkräfte kennen ihre Schüler sehr gut,  das ist schon wichtig für die Klassenbildung, um halbwegs homogene Gruppen zu bilden. „Die einen lernen Tag und Nacht Deutsch, andere bringen ständig Krankmeldungen“, erklärt Bianca Olerich im Gespräch mit unserer Zeitung. Sie ist sich ziemlich sicher,  mittlerweile gut einschätzen zu können, ob jemand mit einem Trauma kämpft oder „krankmacht“. Auch Verständnisprobleme und kulturelle Unterschiede sind mittlerweile gut erkannt. „Studium bedeutet beispielsweise in den arabischen Ländern wegen der anderen Bildungsstruktur etwas ganz anderes als in Deutschland“, erklärt sie. Da komme es oft nur auf die Formulierung an, um einen Schüler zu motivieren oder zu enttäuschen. „Wir erleben tagtäglich, ob sich jemand integrieren will oder nicht, das kann man mit einer Gesetzeslage gar nicht erfassen, ist Olerich überzeugt.

Wie die Oberstudienrätin Olerich, betont auch Referentin Hanna Löhner die Bedeutung des Spracherwerbs. Deutschunterricht sei das A und O, deshalb seien die Berufsintegrationsklassen auch viel zielführender als die Integrationskurse. Das werde den Flüchtlingen oft aber anders vermittelt – außerdem wollten sie oft schnell auf eigenen finanziellen Füßen stehen. Das sei einerseits zwar begrüßenswert, in der derzeitigen Boom-Situation der Wirtschaft auch kein großes Problem, hat aber emehrere Haken: „ob es diese Jobs auch langfristig gibt, ist sehr fraglich und dann stehen die Leute da mit immer noch mangelhaften Sprachkenntnissen und ohne Ausbildung“, sagte Hanna Löhner im Gespräch mit den Lehrkräften. Die haben die gleiche Erfahrung gemacht, oftmals aber vergeblich für den längeren Weg plädiert.

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Die Bedeutung des Spracherwerbs war hier von Beginn an erkannt und so hat die Heinrich-Thein-Berufsschule in diesem Jahr gleich bei einem neuen Angebot des Kultusministeriums zugegriffen und zusätzliche Sprachförderstunden für die Migranten auch in den Fachklassen ergattert. Schließlich ist der Wortschatz für eine allgemeine Konversation etwas ganz anderes als der, den ein Friseur- oder Schreiner-Azubi benötigt, um dem theoretischen Unterricht in der Berufsschule folgen zu können

Seit dem Schuljahr 2014/15 gibt es die Berufsintegrationsklassen an der Heinrich-Thein-Berufsschule. Aktuell sind es elf Klassen, darunter vier im zweiten, also dem Abschluss-Jahr und eine Klasse als spezielle Vorbereitung auf den Qualifizierenden Abschluss der Mittelschule.

12 von 23 Schülern dieser Quali-Klasse haben im ersten Jahr den Quali auch bestanden. Von den 56 Absolventen der bereits abgeschlossenen Berufsintegrationsklassen wechselten zwei ans Regiomontanus-Gymnasium, jeweils zwei an die Fachschulen für Altenpflege und Ernährung und Versorgung, drei an die Berufsfachschule für Sozialpflege, drei besuchen das Berufsgrundschuljahr Holz, zwei die FOS in Haßfurt, eine die Berufsfachschule für Kinderpflege und drei absolvieren die Aufbausprachkurse der Uni, um anschließend ein Studium aufzunehmen. Neun Absolventen sind in Ausbildung als Arzthelfer, Fachlagerist, KfZ-Mechatroniker, Verkäufer, Friseur, Maurer, Tiefbauer und Krankenpflegehelfer Ein ehemaliger Schüler von Bianca Olerich macht die Ausbildung zum Bauzeichner bei BaurConsult in Haßfurt. Er berichtete ihr kürzlich, dass er die Ausbildung verkürzen kann und demnächst schon seine Abschlussprüfung schreibt. In der ersten Klasse 2014 saßen auch die Brüder Makki, Konditoren, die in Aleppo mehrere Bäckereien betrieben haben. Sie haben mittlerweile in Schweinfurt eine orientalische Bäckerei eröffnet.

Solche Geschichten machen Bianca Olerich ein Stück weit stolz, auch dass aktuell ein Ausbildungsverhältnis mit der Sparkasse läuft. Aber sie erlebte auch einen Schüler, der ein Jahr wiederholt, weil er wegen der drohenden Abschiebung mehrfach Selbstmordversuche unternahm.

Vier ihrer Schüler könnten Ausbildungsplätze bei Unicor und Gelder&Sorg antreten, „wenn sie einen anderen Pass hätten. Die Genehmigung wurde aber verwehrt, weil sie aus Afghanistan oder der Ukraine kommen“, erklärt Bianca Olerich. Ähnlich ergehe es auch einigen Afrikanern aus Äthiopien. Hier seien zwar Ausbildungsbetriebe interessiert gewesen, wegen der fehlenden Bleibewahrscheinlichkeit hätten sie dann aber einen Rückzieher gemacht. „Das ist aus Sicht der Firmen natürlich verständlich, aber in der Gesamtsicht schlecht“, meint dazu Hanna Löhner. Denn auch wenn junge Leute in einigen Jahren wieder gehen müssten „wenn sie hier etwas gelernt haben, sich in unsere Kultur integrierten, werden sie in ihren Ländern die besten Botschafter für unser Land und auch für unsere Waren sein“.

 

Artikel und Fotos: Sabine Weinbeer

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